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gedicht der woche
16.2.26
Anyte
Nein, nicht werfe ich mehr auf See bei den Schiffen
stolz meinen Nacken empor, schnelle aus der Tiefe hinauf,
und auch an der schönen Bordwand des Schiffes mit seinen Rudern
blase ich niemals mehr, froh über mein Bildnis am Bug:
Sondern des Meeres purpurnes Nass hat mich aufs Trockene geworfen.
Hier ruhe ich, am Ufer, unter mir feiner Sand.
(deutsch von Peter von Möllendorff)
9.2.26
Lenia Safeiropoulou
Das Denken, das sich mit der Erdkrümmung biegt.
Eine Nacht jenseits von Gesetz und Vernunft.
Darüber wie unwillig die Menschen ihren Tag aus der Hand fallen
lassen.
Monolog der Ameise.
Ich trage jeden Tag meine Ähre auf dem Weg hinauf
zwischen verstreuten Steinen, welkem Gras und Klumpen
magerer Erde. Immer folge ich meinem Vordermann
in der Reihe und immer folgt mir mein Hintermann. Die Route
birgt keine Überraschungen, der Erste findet immer den
Weg, geradeaus zu unserem Hügel.
Unter dem Gewölbe des Himmels überholen uns weiße Karawanen mit ihrer
eigenen namenlosen Last, ohne sich zu beeilen.
Menschen stehen am Rand des Abgrunds und lassen
ihren Blick über die Leere streifen.
Ihr Hals streckt sich, misst die exakte Höhe
des Felsens, die Breite der Mündung, den Bogen des Himmels,
der hinaufschießt und fällt weit hinter der gegenüberliegenden
Hügelkuppe. Sie zeigen einander die Schiffe,
die den blauen Mantel
der Thetis zerreißen und hinter sich herziehen. Sie zwingen ihren Blick sich zu biegen
mit der Krümmung der Erde, um die Reisenden zu berühren, die unsichtbar
hinter dem Horizont entlangfahren. Die sehen wir auch, auf unserer morgendlichen
Wache, im geizigen Licht
der Morgenröte. Sie erheben sich wie optische Täuschungen in die Luft.
Am Abend drehe ich den Kopf und sehe die letzten Menschen
auf dem Pfad. Am nächsten Morgen kann man sie
auf derselben Stelle wiederfinden.
Der eine sitzend mit Landkarten auf den Knien plant seinen
Weg über die Gewässer, einen Weg, der sich hinter ihm
schließen wird ohne Spuren zu hinterlassen. Der andere zeigt mit dem Finger
auf die Anwesen am Ufer gegenüber, macht eine raffende Bewegung
mit der Hand, als wollte er sie einsammeln wie Spielkarten und
sie zufrieden in seine Tasche gleiten lassen. Der dritte wartet
den ganzen Tag auf eine Fata Morgana, richtet den Blick
trotzig nach vorn, bis Heerscharen von Ameisen
seine Augen erfüllen.
Und je besser die Menschen einander kennen und je enger
sie befreundet sind, desto unbekümmerter schubsen sie
einer den anderen, dass sie bald in den Abgrund fallen.
Sie brechen in Gelächter aus, treten plötzlich einen Schritt zurück, und wir sind in Gefahr
auf dem Boden zerquetscht zu werden. Wir, denke ich düster, würden nie
solche tödlichen Spiele spielen mit unserem Freund.
Die Sonne sinkt.
Und während ich mich nähere und der schwarze Gipfel unseres Hügels
sich abzeichnet vor der roten Sonnenscheibe,
hat der erste in unserer Reihe schon schweigend das Tor
durchschritten und ist den gewundenen Gang hinabgegangen.
Stell dir vor, unser Anführer wäre wie die Menschen.
Gewiss käme ihm eines Abends die brilliante Idee
zu trödeln, die ganze Reihe auf einen
gewaltigen nutzlosen Umweg zu führen, die Dunkelheit
hereinbrechen zu lassen, mit Absicht den Weg zu verlieren und uns dann
im Kreis um sich zu sammeln und lächelnd zu verkünden, dass
er das alles getan habe, um unseren Mut zu testen oder um zu sehen,
wieviel Vertrauen wir in seine Person haben, oder weil ihn
seit er ein Kind war, die Idee umtreibt, den Weg zu verlieren in der Nacht
und herauszufinden, ob an den uralten Regeln unserer Gemeinschaft
etwas dran ist, die bestimmen, dass bevor die Sonne untergeht
auch der letzte in der Reihe durch die Tür gegangen sein muss,
weil draußen tödliche Gefahren auf uns warten.
„Jetzt also, Brüder und Schwestern,“ würde er am Ende seiner
Rede sagen, „und mit mir an der Spitze ist endlich der Moment gekommen,
dass wir sie mit eigenen Augen sehen, diese vielbeschworenen
tödlichen Gefahren. Dass wir sie sehen und ihnen
die Zunge herausstrecken. Dass wir sehen ob die
Maulwürfe wirklich so einen unfehlbaren Geruchssinn haben und
die Eulen wirklich so stahlharte Schnäbel, und die Ameisenbären
wirklich so blitzschnelle Rüssel, die dich ansaugen und
einschlürfen, bevor du dein letztes Gebet sprechen kannst.
Und ich kann euch versprechen, dass alle, die den heutigen Abend überleben,
das Licht der Morgenröte mit anderen Augen sehen werden:
Wie Alabaster wird es sein und wertvoller denn je. Und sie werden
als Helden in unseren Hügel zurückkehren, werden erzählen
von den Taten unserer toten Freunde, die furchtlos gefallen sind
für eine Nacht jenseits von Gesetz und Vernunft.“
Wenn heute Abend die Dunkelheit hereinbricht und ich an der Reihe bin
durch das Tor zu gehen, wende ich den Kopf und sehe
ein letztes Mal die Menschen an.
Immer unwillig lassen sie sich den Tag
aus den Händen gleiten, gehen immer mit verwirrten
Gedanken den Pfad hinab.
Keiner von ihnen kann einfach den Blick
auf den Rücken seines Vordermannes richten,
um unerschüttert in seinen niedrigen Hügel zu gelangen
und schweigend in die kühlen Stollen hinabzusteigen.
der monolog der ameise ist ein ausschnitt aus Safeiropoulous buch φύση μισή (hälfte des wesens), das gerade auf der shortlist für den griechischen staatspreis für literatur steht. die deutsche übersetzung erscheint in diesem jahr bei der kölner parasitenpresse.
2.2.26
Maria Th. Archmandriti
Krächze, damit ich mich nicht fürchte!
Ein schwarzer Vogel lebt immer bei mir,
der nennt mich beim Vornamen, krächzend,
nicht woher ich stamme, nicht zu wem ich gehöre.
Wir sind alte Bekannte,
er kennt alle meine Namen.
Am Abend hockt er sich auf meinen Kopf,
wärmt sich an meinen Erinnerungen,
meine Wunden
trägt er und kleidet sich,
Feder für Feder platziert er sie
mit seinem Schnabel hinter sich
und macht sich
einen Pfauenschwanz daraus.
Vergissmeinnicht nenne ich ihn
und trage ihn wie eine Krone
in den Nächten, in denen ich glitzere,
in den Nächten, in denen ich mich am meisten fürchte.
Krächze, damit ich mich nicht fürchte.
Vergiss mein nicht
und erinnere mich daran,
dass ich gelebt habe
mit dem Lauf der Jahreszeiten
mit den Mühen der Götter.
Krächze und nenn mich
bei einem meiner Namen.
26.1.26
Vagia Kalfa
Der Fuchs (zu Franz Marcs „Füchse“)
Von allen Verwandlungen
hast du die ausgesucht
die dir am wenigsten gerecht wird
Ein Wolf hättest du werden können
an meinem Ohr,
ein Falke auf meiner Leber
ein Skorpion
zwei Millimeter
von meiner Brust
ein Kamel
in der Stadt
um an die innere Leere zu erinnern
Und du wurdest
— wie billig —
ein Vogel
(deutsch von Kartakis und Hansen)
19.1.26
Maria Laina
Insekten
In jenem Jahr
bogen sich meine Zweige zum Boden
war mein Himmel immer bereit für endlose Regengüsse
und mein Garten für die entfernten
und traurigen Stimmen der Insekten.
Ich hörte keine Lieder damals,
nur all die Monde,
die sich einsam in den Brunnen stürzen wollten.
Und doch, was auch immer ich sage,
noch gibt es Liebe in mir
und Vergnügen an der Liebe auch noch.
Ja, ich erinnere mich an die glücklichen Tage
und an jeden Tages Wetter.
(deutsch von Kartakis und Hansen)
12.1.26
KonStantin Kavafis
Haus mit Garten
Ich möchte ein Landhaus besitzen
mit einem sehr großen Garten
nicht unbedingt wegen der Blumen
der Bäume und wegen des Grüns
(dass es die gibt; natürlich, ist auch sehr schön)
aber ich will es, um Tiere zu halten.
Ja, um Tiere zu halten! Mindestens sieben Katzen –
zwei davon schwarz, und zwei so weiß wie Schnee, um des
Gegensatzes willen.
Einen mächtigen Papagei, ihn Dinge sagen zu hören
mit Betonung und äußerst überzeugend.
Was Hunde betrifft, drei würden genügen, glaube ich.
Ich möchte auch drei Pferde (gut sind die Pferdchen).
Und unbedingt drei oder vier von jenen sagenhaft
sympathischen Tieren, den Eseln,
die träge da lägen und froh ihre riesigen Köpfe wiegten.
Diese Übersetzung von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt stammt aus dem schönen Band Im Verborgenen (illustriert von Anja Nolte!), der 2015 im Verlagshaus Berlin erschienen ist.
5.1.26
Danai Siouziou
Die Spinne
Lieber Herr,
ich beobachte Sie von der Decke aus
ihr Kaffee könnte ein bisschen mehr Zucker vertragen
irgendwas stimmt nicht ganz mit Ihrer Kleidung und Ihren Schuhen
Sie hätten vielleicht die Löcher nicht stopfen sollen
packen Sie den Tag an wie ein Messer
das Gewicht Ihres Lebens nimmt zu
die Vereinbarung mit dem Spiegel gilt nicht mehr
und Sie werden fett
morgen werde ich genau vor Ihrer Nase hängen
könnten Sie mich dann vielleicht füttern?
Liebe Grüße
Die Spinne
.
Liebe Spinne,
gerade gestern ist die Fledermaus in einem Winkel unter dem Dach niedergekommen
ihre appetitlichen Jungen nisten blind zwischen Netz und Staub.
Ich habe niemals etwas gelernt über Autofahren, Fische entgräten, Zeitungen.
Ich besitze zwei unnütze Eckzähne und ein Schrotgewehr.
Ich habe eine Vereinbarung mit meinem Morgenkaffee
und respektiere die Entscheidung des Spiegels.
Ich stelle keine Vogelfallen mehr auf,
stehe aufrecht am Ufer und schieße auf das Wasser.
Ihr
K.
29.12.25
Konstantin Kavafis
Ithaka
Wenn du dich auf den Weg machst nach Ithaka,
solltest du beten darum, dass es eine lange Fahrt sein wird
voller Abenteuer, voller Erkenntnisse.
Die Lästrygonen musst du nicht fürchten,
nicht die Zyklopen, den Zorn des Poseidon —
so etwas wird dir nicht begegnen auf deiner Reise,
wenn du deinen Sinn auf Höheres richtest, wenn eine exquisite
Bewegung deinen Geist und deinen Körper erfasst.
Die Lästrygonen und die Kyklopen,
den wütenden Poseidon wirst du nicht treffen,
wenn du sie nicht selbst in deine Seele geladen hast,
wenn deine Seele sie dir nicht in den Weg stellt.
Beten solltest du, dass deine Fahrt eine lange werde,
dass es viele Sommermorgende geben wird, an denen
du — mit welcher Dankbarkeit, welcher Freude —
in nie zuvor gesehene Häfen einläufst;
dass du einkehren kannst bei phönizischen Händlern
und all die schönen Waren kaufen
aus Perlmutt und Korallen, Bernstein und Ebenholz
und freudenspendende Düfte jeder Art,
immer mehr und mehr, so viele freudenspendende Düfte, wie du nur kannst;
dass du viele ägyptische Städte
kennenlernst und lernst von den Gelehrten dort.
Und immer sollst du Ithaka im Sinn behalten.
Die Ankunft dort ist deine Bestimmung.
Aber du musst deine Reise überhaupt nicht beschleunigen;
besser, sie dauert viele Jahre,
und du wirst erst als Greis dort an Land gespült
mit allen Reichtümern, die du erworben hast auf deiner Reise
— erwarte nicht, dass Ithaka dich reich macht!
Ithaka hat dir diese schöne Reise geschenkt,
du hättest dich ohne Ithaka nie auf den Weg gemacht —
aber mehr hat sie dir nicht zu geben.
Ithaka mag dir armselig erscheinen, getrogen hat sie dich nicht.
So weise wie du geworden bist mit all deiner Erfahrung
hättest du schon verstehen können, was diese Ithakas bedeuten.
22.12.25
Konstantina Korryvanti
Penelope
Sie sieht zu
wie sein hölzernes Pferdchen auf dem Wasser schwimmt.
Wenn sie älter ist, wird sie verstehen,
dass das Meer die Männer an Land spült wie
irgendwo eine Kirke, eine Kalypso
oder eine Katerina ihre Haare löst und
eine Möwe bringt uns unseren Schal.
15.12.25
Phoebe Giannisi
Penelope I – am addicted to you
Der Pool ist ihre Leidenschaft
hin und her Tag für Tag
dieselbe Bahn wieder und wieder
der Pool hält sie am Leben
Schwimmen im Pool: das hält sie zusammen
das ständige Umkehren
das Atmen im Takt
das Zusammenspiel von Armen und Beinen
mit dem Kopf
nach unten nach oben nach unten nach oben
ins Wasser
der Kopf
taucht abwechselnd unter und auf
ausatmen unter Wasser einatmen über Wasser
die Pausen hier und da zwischen den Bahnen
die Kacheln unter dem Wasser im Licht
die fremden Körper bedrohlich
mit Badekappen oder Schlappen
das Wasser voller Chlor
der Himmel über Zypressen
der Pool hält mich am Leben
das beständige Lied
das Zählen
eins zwei drei vier fünf
sechs sieben acht neun fünfzehn
neunzehn Armschläge Wende
das Lied das Zählen die Wiederholung versteinern
das Lied vom Pool rettet mich
rettet mich vor dem Wissen dass
er mich nicht liebt
Jannis Kontos
Am dritten Tag
(für meinen Vater)
Ein gelber Schmetterling öffnete seine Flügel
und zugleich öffneten sich meine Augen.
Und ich sah nichts als tiefe Dunkelheit.
Ich sah das Wasser laufen überall,
und wie es dem Wind hinterherjagt von Zimmer zu Zimmer,
und wie der Pflug, der jahrelang stillstand,
Opa Odysseus in die Augen sticht,
der noch immer Penelope anlächelt aus dem Rauch heraus.
Vom Farn her kam Musik, und die Marmorsteine
begannen zu krabbeln wie Säuglinge.
Mein Vater löste die verflochtenen Finger voneinander
und brachte die Sintflut.
Mein Vater ist ein Regenmacher.
(deutsch von Kartakis und Hansen)
Anna Griva
Der Maulwurf
Ich verkrieche mich tief unten
zwischen den Wurzeln der Bäume
und höre die Brandung,
das Schluchzen unterirdischer Welten.
An meiner Hacke
hängt die Geschichte der Menschheit.
In dunklen Nächten
treffe ich die Mutter des Odysseus,
die strickt ihm ein Jäckchen,
für den Fall, dass er wieder zurückkehrt.
»Kalt ist es hier unten«,
sie nickt mir zu und lacht,
»das ist kein Ort für Überlebende«.
Wie kann ich ihr sagen,
dass sie einen unsichtbaren Faden hat,
dessen Knoten nicht binden,
sondern bei jedem Stich
lautlos das Deckchen der Morgenröte
auftrennen.
Das werde ich ihr nicht sagen:
Die Maulwürfe nehmen das Ewige
nicht in den Mund,
sie graben nur.
Katerina Angelaki-Rooke
Penelope spricht
Ich habe nicht gewebt, ich habe nicht gestrickt, ich habe etwas zu schreiben begonnen
und verlosch unter dem Gewicht der Worte,
denn der vollkommene Ausdruck wird verhindert,
wenn das Innere bedrückt ist von Schmerzen.
Und auch wenn Abwesenheit das Thema meines Lebens ist
– Abwesenheit vom Leben –
gelangt Weinen auf das Papier
und der natürlich Schmerz des Körpers, der Entbehrungen leidet.
Ich verlösche, zerreiße, ersticke die lebendigen Rufe
„He, wo steckst du? Ich warte auf dich.
Dieser Frühling ist nicht wie die anderen.”
Und ich beginne den Morgen mit neuen Vögeln
und weißen Laken, die in der Sonne trocknen.
Niemals wirst du hier sein mit dem Schlauch,
um die Blumen zu gießen, während die Decken tropfen, vollgesogen vom Regen,
und mein Ich still und herbstlich aufgelöst ist in deinem…
Dein erlesenes Herz – erlesen weil ich es auerwählt habe –
wird immer anderswo sein und ich werde immer mit Worten die Fäden zerschneiden,
die mich an diesen einen Mann binden,
nach dem ich mich sehne, bis er zum Inbegriff wird der Sehnsucht: Odysseus,
und bis er, in jedermanns Denken, auf den Meeren segelt.
Leidenschaftlich vergesse ich dich jeden Tag,
damit du von der Sünde der Süße und des Duftes erlöst wirst
und vollkommen gereinigt eintrittst in die Unsterblichkeit.
Das ist harte und schwere Arbeit.
Mein einziger Lohn ist,
dass ich am Ende begreife, was menschliche Anwesenheit ist und was Abwesenheit,
und wie das Ich funktioniert in solcher Einsamkeit, so lange,
dass niemals das „Morgen” aufhört,
dass der Körper sich selbst wiederherstellt;
er erhebt sich und fällt auf das Bett,
wie behauen,
manchmal krank, manchmal verliebt
in der Hoffnung, was er bei der Berührung verliert
wiederzugewinnen in der Erkenntnis.
17.11.25
Dinos Christianopoulos
Ithaka
Ich weiß nicht, ob es Konsequenz war,
oder der Zwang meinem eigenen Selbst zu entkommen,
dass ich das enge und freudlose Ithaka verlassen habe
mit seinen christlichen Körperschaften
und seiner erstickenden Moral.
Alles in allem war es keine Lösung, es war nur eine halbe Sache.
Und seitdem laufe ich in der Welt herum
und sammle Wunden und Erfahrungen.
Die Freunde, die ich geliebt habe, sind schon verschwunden,
und ich blieb allein und zitterte davor, dass mich jemand sieht,
mit dem ich einmal über Ideale gesprochen habe…
Jetzt kehre ich zurück in einem zweifelhaften Versuch,
tadellos und vollkommen zu erscheinen, ich kehre zurück
und bin, mein Gott, wie der verlorene Sohn, der ablässt
von der Herumtreiberei und voller Gram heimkommt
zu seinem gutherzigen Vater, um in dessen Schoß
seine eigene, zurückgezogene Ausschweifung zu erleben.
Ich habe Poseidon im Blut,
der hält mich immer fern.
Doch wenn ich auch einmal zurückkommen könnte,
findet Ithaka wohl die Lösung für mich?
10.11.25
Alexandra Sotirakoglou
In der Küche putze ich wieder Bohnen
denke dabei an meine Mutter
an die Sommer, in denen sie neben mir auf dem Sofa saß
und ich in einem Buch las.
Zwischen den Beinen hielt sie eine Schüssel
und putzte Bohnen, stundenlang ohne zu sprechen.
Ich hätte nie gedacht, wie ermüdend
wie zeitraubend das sein kann.
Am Tag darauf würde ich essen, ohne Appetit oder
bei jeder Gelegenheit mein Missfallen deutlich machen.
Ich denke daran, wie ich ihr nie meine Hilfe
angeboten habe, auch nicht, als ich groß genug geworden war,
um ein Messer zu halten.
Ich denke an alles, was sie über mich wusste.
Und dass ich sie nie wirklich gekannt habe
und sie jetzt erst kennenlerne,
da ich ohne sie leben muss.
Odysseas Elytis
Die Sonne Korinths
Ich trinke die korinthische Sonne,
durchstreife Weinberge, Meere,
ziele mit der Harpune
auf einen Fisch, ein Votivtäfelchen, das entwischt.
Ich habe die Blätter gefunden, die der Gesang der Sonne
auswendig kennt,
die lebendige Küste, die das Verlangen erfreut
öffnet.
Ich trinke Wasser, schneide Früchte,
tauche die Hand in das Laub des Windes.
Die Zitronenbäume tränken die Pollen des Sommers,
die grünen Vögel durchschneiden meine Träume.
Ich gehe fort mit einem Blick,
einem weiten Blick, in dem die Welt erneut entsteht,
schön von Anfang an zum Maß des Herzens.
27.10.25
Bergadis
aus dem Apokopos
die beschreibung einer (traum)reise in die unterwelt des ansonsten unbekannten autors Bergadis wurde 1509 als erstes buch in der griechischen volkssprache in venedig gedruckt. der anrührende text ist memento mori und hymne an das leben zugleich. dies ist ein ausschnitt, der die reaktion der toten auf das eintreffen eines oberweltbewohners beschreibt:
67-100
An den dunklen Ort, an dem ich mich fand, schien mir eine Menge
von Menschen — ich hörte, wie aufgeregt sie waren — zu drängen,
die über mich und meine Ankunft stritten.
Und das Wort machte die Runde, jemanden zu schicken,
zu sehen, wer da in den Hades kam und solchen Lärm verursacht,
wer hier hereinkam und unerlaubt das Tor geöffnet hat.
Ich sah zwei kommen, dunkel, von Spinnweben bedeckt alle beide,
nur Schatten , Umrisse von jungen Männern, die schweres erleiden,
die sprachen mich freundlich an, grüßten voll Höflichkeit.
Doch aus Furcht blieb ich stehen und war nicht zu sprechen bereit.
Sie sagten: „Woher, von wo, wer bist du, und was suchst du hier?
Wie kamst du ungeführt in das Dunkel hier?
Wie stiegst du beseelt hinab, wie kommst du lebend hierher,
und wie willst du jemals in deine Heimat wieder kehren?
Denn aus dem Hades gibt es keine Wiederkehr,
die bewirkt erst der Tag, an dem die Toten auferstehen.
Dein Atem duftet, es strahlen deine Kleider,
es ist, als seist du über eine Wiese gelaufen, über weite
Felder, du kommst aus dem Land der Lebenden, kommst aus der Welt.
Sag uns doch: Hält noch der Himmel? Besteht noch die Welt?
Gibt es noch Wolken und Regen, Donner und Blitz?
Hat der Jordan noch Wellen und fließt?
Sag, ob es noch Gärten gibt, Bäume und Vögel und ob sie noch singen,
ob die Berge noch duften, die Bäume noch blühen.
Sind die Wiesen noch frisch, wehen noch süße Winde?
Leuchten die Sterne noch, der Morgenstern noch am Himmel?
Läuten die Kirchenglocken noch, damit die Priester singen,
sich am Morgen erheben und die Lichter entzünden?
Sag, ob die jungen Leute sich noch im Sommer versammeln,
durch die Straßen streifen und sich an den Händen halten,
noch am Morgen singen, voll Verlangen ihr Herz,
und gehen gemessenen Schrittes und still miteinander einher.
Gibt es noch Freude und Feste, Umzüge, Hochzeiten,
lassen die Mädchen sich noch verehren und sind sie noch heiter?
115-126
Und wenn am Samstag die Arbeit ruht, ob sie dann noch eilen
die Kleider zu wechseln, zuvor noch ins Bad zu steigen,
damit sie am Sonntag Morgen mit sauberen Gesichtern
und festlich gewandet sich aufmachen in die Kirche.
Sag, ob die hohen Frauen noch in Mänteln und Roben
gehen, nach dem Bad noch duften nach Seife und Moschus,
ob sich noch Paläste und Säle der hohen Herren finden.
Haben sie noch voller Stolz ihre Ämter inne,
ziehen sie noch hinaus in die Felder und jagen
den Rebhühner nach mit Hunden und Falken?
Ehren die jungen noch die Herren des Hauses und die Alten,
so wie sie sie ehrten, als wir noch am Leben waren?
101-108
Du hast die Welt durchwandert, du kamst durch viele Länder,
sag uns, ob die, die sich des Lebens freuen, noch an uns denken.
Trauern sie um uns und grämen sich noch so sehr,
wie als sie uns begruben, weinen sie immer noch so sehr?
Bringst du Nachrichten und Briefe nach hier unten,
Trost für die Gequälten im bitteren Hades, dem dunklen?
Lies sie uns vor, sag, was die Nachrichten sind, wir geben dir
alles, was wir hier haben im Hades, dafür.“
hier eine bearbeitung, die den text (im videoausschnitt hören wir den anfang, dann die verse 101-104 aus dem abschnitt oben und einige verse vom ende, ab v. 449) mit musik seiner und unserer zeit zusammenführt. [das ganz buch gibt es auch auf dieser seite im bücherregal]
20.10.25
Maria Polydouri
Nina hatte
Nina hatte ein Kleid, das war leicht wie ein Hauch
von Luft, an jenem Sonntagmorgen
und einen rosa Sonnenschirm, sie war
wie ein Traum, sie sah wie eine Blume aus.
Das Wissen, das noch schöner macht,
wiegte sie bei jedem ihrer leichten Schritte,
neben ihr duftete der Berg,
unter ihr jubelte wie verrückt das Meer.
Wie ein Atemzug war ihre Gestalt – ein Hauch,
eine rosige Erscheinung, wohin
verschwand sie an jenem schönen Sonntagmorgen,
ein Geschöpf des Geistes?
13.10.25
Leonidas von Tarent
Den Liebhabern des jungen Weines, den Satyrn, und dem, der die Reben
wachsen läßt, Bakchos,
hat Heronax als Anteil der ersten Lese
von drei Weingärten diese drei Fässer zugedacht,
die er mit neuem Wein gefüllt hat.
Aus denen werden wir spenden, wieviel sich gehört, dem weindunklen Bakchos
und den Satyrn, doch mehr als die Satyrn trinken wir selbst.
Leonidas von Tarent, von dem dieses gedicht (wahrscheinlich) stammt, lebte um 300 v.chr. wer der Heronax war, für dessen weihung Leonidas dieses epgramm geschrieben hat, wissen wir nicht… erhalten ist das gedicht in der großen sammlung der Anthologia Graeca, die über diese website erkundet werden kann:
https://anthologiagraeca.org/passages/urn:cts:greekLit:tlg7000.tlg001.ag:6.44/
6.10.25
Dinos Christianopoulos
Nachmittag
An jenem Nachmittag war es schön mit den nicht enden wollenden Gesprächen auf dem Bürgersteig.
Vögel sangen, Menschen liefen vorbei, Autos hatten es eilig.
Im Fenster gegenüber lief Rembetiko im Radio
und das Mädchen von nebenan sang von Liebe und Verlangen.
Die Akazie blühte, der Jasmin duftete,
zwischen den alten Festungsmauern spielten Kinder Verstecken,
Mädchen sprangen Seil.
Sie spielten in der alten Festung und wussten nichts vom Tod.
Sie spielten in der alten Festung und wussten nichts von Reue,
und ich liebte sie sehr, die Menschen, an jenem Nachmittag,
ich weiß nicht warum; ich liebte sie, wie einer, der sterben muss.
29.9.25
Myrsini Gana
Der Trick ist einer der besten.
Je mehr du dich entfernst,
desto mehr Platz nimmst du in mir ein,
wächst,
wirst ein Luftbalon,
den ich an mein Handgelenk
gebunden habe,
damit er nicht wegfliegt.
Bei irgendeinem Spaziergang
beim rein und raus
von Warten
zu warten
werde ich dich ganz sicher verlieren.
22.9.25
Giorgos Seferis
Eine Flasche im Meer
Drei Felsen, ein paar verbrannte Pinien, eine kleine Kapelle
und darüber
fängt eine Kopie der gleichen Landschaft an.
Drei Felsen, geformt wie ein Tor, verwittert,
ein paar verbrannte Pinien, schwarz und gelb,
ein quadratisches Haus mit gekalkten Wänden
und darüber beginnt
wieder und wieder die gleiche Landschaft von neuem
bis zum Horizont, bis zum Himmel, an dem die Sonne untergeht.
Dort landeten wir an, um die zerbrochenen Ruder zu flicken,
um Wasser zu trinken, um uns auszuruhen.
Das Meer, das uns verbittert hat, ist tief und unerforscht
und entfaltet seine unermessliche Stille.
Wir fanden dort eine Münze zwischen den Kieseln
und würfelten darum.
Der jüngste von uns gewann und verschwand.
Dann stießen wir wieder in See mit den zerbrochenen Rudern.
15.9.25
Miltos Sachtouris
Die Tiefe
Da oben läuft ein Matrose
ganz in Weiß
über den Mond
Und das Mädchen von der Erde
mit den roten Augen
singt ein Lied
das erreicht den Matrosen nicht
Es reicht bis zum Hafen
es reicht bis ans Schiff
es reicht bis zum Mast
Aber bis oben zum Mond
reicht es nicht
8.9.25
Paulina Pamboudi
Und jetzt ist das Gras wieder höher gewachsen.
Zwei Generationen von Schwalben.
hat der Wind seitdem auf die Reise geschickt.
Zwei Dynastien von Blättern brachen aus
an den Bäumen, in unserem Obstgarten.
Der zweite Sommer kommt.
Und du bist fort.
Es kamen wieder die Tage des vorletzten Jahres,
groß, blühend in denselben Farben.
Und alles wie beim ersten Mal.
Nur, dass damals die Welt ein bisschen neuer war.
Nur, dass meine Trauer damals noch keinen Namen hatte.
Sei gegrüßt. Die Erinnerung an dich ist warm
wie ein Stein, der für Jahrhunderte vergessen sein wird
auf einer Lichtung.
1.9.25
Phoebe Giannisi
Weben
Das Wort keimt von allein
und ist da
jenseits unserer Entscheidung für das Schweigen
jedes Geschöpf
während es auf seinem Weg zieht
hin zu anderen Geschöpfen singt
aber die Fäden der Planeten
sind von anderer Art
so dicht sie auch gewoben sind
halbaufgelöste Gefüge von Wörtern
die auch wenn sie geschrieben werden
niemals sagen was sie sagen
und auch das nicht wovon du denkst
dass du es sagen wolltest
25.8.25
Patricia Kolaiti
Tankstelle unter der gnadenlosen Sonne mitten im Nichts
Die Dinge, die auf einer Tankstelle erledigt werden müssen, sind unendlich viele. Hättest du auf einer Tankstelle gelebt, wüsstest du das. Zunächst musst du sorgfältig den dicken Staub von allen Gegenständen entfernen, bei denen es nur eine Frage der Zeit ist, wann sie wieder unter noch dickerem Staub begraben werden. Du musst ein Ding von dort holen und hierher bringen, das du schon tausendmal von hier nach da und von da nach hier gebracht hast. Du musst eine Schraube fest anziehen.
Und wenn du dann dieses und jenes erledigt hast,
musst du dich setzen
auf den Stuhl, der jedesmal knirscht unter deinem Gewicht
und musst hinausschauen
auf die unendliche gerade Straße ,
auf der noch nie irgendetwas gekommen ist.
18.8.25
Konstantinos Kavafis
Fürs Geschäft
Er verpackt sie sorgfältig
in grüne teure Seide:
Rubin-Rosen, Perlen-Lilien,
Amethyst-Veilchen, schön, wie er sie sich denkt,
sie haben will und sieht, nicht wie in der Natur
beobachtet und studiert. Er wird sie in den Schrank legen,
die Beweise der Kühnheit und Kompetenz seiner Arbeit.
Und wenn ins Geschäft ein Kunde kommt,
holt er andere Sachen zum Verkauf hervor, tadellose Schmuckstücke:
Armbänder, Ketten, Halsbänder und Ringe.
11.8.25
Melissanthi
Persephone
Ich kehre zurück aus dem Reich des Pluto,
meines dunklen Gatten,
in der Hand halte ich einen Sprössling wie eine Fackel,
den Brand des Frühlings damit zu entfachen.
Eine lebende Tote, so halten mich Kälte und Feuer,
der Kreislauf des nicht zu brechenden Schweigens,
von aller Hoffnung fern und gefangen im Hades.
Ich liege wach, Seite an Seite mit den Toten,
sehe in ihren offenen Augen den versteinerten Himmel,
sehe alles Leuchten der Welt zu Asche werden.
Niemand kann mit einem sterblichen Körper
soviel Kälte standhalten und soviel Feuer.
Die Finger sinken herab, die Augen
ersterben, brennen, vertrocknen
— aber mit nur einer Träne aus Schnee unter den Lidern
können wir Jahre hier überstehen —
Der Hades hat keine Wörter, die er dich lehren kann,
nur wenn es ihm gelingt, dir einen Schrei zu entreißen,
in dem Moment, da eine eherne Zange deine Stimme zerdrückt.
Ohne Gefahr entdeckt niemand das Geheimnis des Hades
Seht den Sprössling, das Feuer, das ich trage,
und wenn ihr könnt, dann ratet Hades‘ Farbe.
—
Melissanthi (eine zusammensetzung aus melissa, biene, und anthos, blume) ist das pseudonym der dichterin Ivi Kougia-Skandalaki (1910-1991).
4.8.25
Nikos Varalis
Wahrscheinlichkeit des Sommers
Der Abdruck einer Fußsohle im Sand
vor der Ebbe macht die Zukunft unsicher
wir balancieren immer am Rand der Felsen.
Es gibt eben die Festigkeit des Weges
die letzte Sterblichkeit des Daseins.
Es gibt auch Dionysos der seine Anhänger
in Bacchanten verwandelt.
Es gibt auch die Hochzeit von Kana
als letzte Offenbarung des Wunders des Seins.
Natürlich kann einer sich damit zufrieden geben
bei der abenteuerlichen Suche nach dem goldenen Vlies
dass er von Rudern träumt und Ortsnamen
von Reisen und Schlachten wie ein Verirrter und ein Tourist.
Natürlich kann er auch wie Odysseus
einen Souvlakistand aufsuchen
und sich in den kleinen Bars verbreiten
über Kavafis‘ Straßenbahnen, die langsamen,
und dabei hoffen dass die Freier
als Gäste in einer anderen Serie auftreten werden.
dtsch. von Kartakis und Hansen
28.7.25
Janis Ritsos
Epitaphios 20
Mein Süßer, du bist nicht verloren, du bist in meinen Venen,
mein Sohn, dring in mein Blut, in aller Blut und lebe.
.
Sieh doch wie viele hier an uns vorüberziehn auf Pferden,
genau wie du so aufrecht und so mächtig und so schön.
.
Ich seh, mein Söhnchen, dich in ihnen wieder aufrecht stehen
seh deinen Körper abgebildet, tausendfach, in ihnen.
.
So arm und schwach ich bin, bin groß in ihnen allen
und reiß mit meinen großen Nägeln Klumpen aus dem Schlamm,
.
die werfe ich den Wölfen und den Bestien in die Fratzen,
die das Kristall deines Gesichts in tausend Scherben brachen.
.
Und du ziehst noch als Toter mit, und mit dem Knoten unserer Klage
da binden wir den Strick um unserer Feinde Hals.
.
Und, was du wolltest, hast du mir beim Licht der Lampe anvertraut:
Ich richte meinen krummen Rücken auf und zeige meine Faust.
.
Ich schlage nicht mehr meine Brust, die ohne Schuld ist, gehe
voran und hinter meinen Tränen kann ich jetzt die Sonne sehen.
.
Mein Sohn, zu deinen Brüdern zieh ich hin, will mit den ihren meine Klagen
vereinen, dein Gewehr will ich jetzt tragen, du, mein Spatz, kannst schlafen.
.
Am 9.Mai 1936 kam es in Thessaloniki zu einem Aufstand der Tabakarbeiter. Dabei wurde der 25jährige Tasos Tusis von der Polizei erschossen. Sein Tod, vor allem die Photographie seiner um ihren Sohn klagenden Mutter, inspirierte Jannis Ritsos zu einem Zyklus von 20 Gedichten mit dem Titel „Epitaphios“. Der Zyklus erschien bald darauf, wurde schnell bekannt und beliebt und ebenso schnell von der Metaxas-Regierung verboten und verbrannt.
Mikis Theodorakis vertonte den Zyklus 1959. Von der Komposition existieren zwei Versionen, eine im Arrangement von Manos Chatzidakis und gesungen von Nana Mouskouri, und eine zweite, deutlich stärker an das Rembetiko angelehnte einfachere Version, die Theodorakis mit dem Sänger Grigoris Bithikotsis und dem Buzukispieler Manolis Chiotis einspielte.
Hier kann man sie sich anhören: Mouskouri / Bithikiotis
Mehr dazu hier.
21.7.25
Lena Pappa
Ikaros
Mit den Flügeln aus Wachs
hob er ab – flog er:
hoch über den kriechenden Geschöpfen
hinein in das große Licht.
Der Sonne entgegen – in den Tod.
Eine solche Provokation
so ein großartiges Wagnis
so ein trotziger Schritt in Richtung Freiheit:
Mit unsterblichem Hass lauert stets
Vater Zeus darauf,
so etwas hart zu bestrafen.
am samstag, 19.7., ist die dichterin Lena Pappa im alter von 93 jahren in athen gestorben.
14.7.25
Nikolas Kakatzakis
Der Baum unter dem Balkon
Da in der östlichen Ecke des Gartens steht der Baum –
der Wächter des Hauses. Sein Fehler ist, dass er Kühle und
Schatten wirft auf dem Hof Margaritas, die Karriere macht
als Pianistin. Und die beklagt sich immer und immer ist sie auf Reisen,
und wenn sie zurückkehrt, wirft sie mir vor, dass sie nicht berühmt geworden ist,
und dass der Baum daran Schuld ist, der sie in den Schatten stellt.
Ich erkläre ihr, dass die Sonne am Nachmittag stechend ist und
dass sie so ihren Kaffee unter seinen Zweigen trinken kann, die über
den niedrigen Zaun ragen. Sie geht ins Haus und beginnt
Klavier zu spielen. Das finde ich gerecht. Eine musikalische Vergeltung für den Schatten,
den er ihr bietet. „Aber er wuchert,“ sagt sie zu mir, „und ich werde einen Gärtner
bestellen, der ihn beschneidet, damit ich nicht in Gedanken
wie ein Dieb zu den oberen Stockwerken hinaufklettern kann.“
dtsch. von Kartakis und Hansen
7.7.25
Efi Kalogeropoulou
Dunkelheit
zwei oder drei Blätter voller Tau
Nacht
auf meinen Traum kletterte sie und von seinem Dach
sprang sie in den Garten herunter
ich weiß noch, ich sagte zu ihr: „Das stimmt nicht
ich habe keine Katze.“
Sie sagte zu mir: „Ich bin nicht verloren gegangen
du hast mich gesucht
wir können uns die Taube da schnappen
ohne Schuld, ohne Nachdenken, einfach so.“
Ich antwortete nicht.
„Aber du weinst ja, warum weinst du?“ fragte sie mich.
„Es ist die Schönheit,“ flüsterte ich.
Der Garten begann zu blühen.
30.6.25
Nikolas Koutsodontis
Der Fischer
Der Fischer, der die Barbe absticht,
schneidet die Knöpfe einen nach dem anderen von den Hemden.
Ein Wind, der gegen den Ast drückt und die Scheibe zerbricht,
der Arm der Ast von der Sonne gebräunt.
Wo kann der Wind sich verstecken?
Stadtzentrum
Scheiben von Hitze in der Tasche
kaufe ich mir günstig meine Freiheit
ein wenig Meer schneide mir ab und pack es ein,
damit ich aufatmen kann.
23.6.25
Kiki Dimoula
Britsh Museum (Elgin Marbles)
Im kalten Saal des Museums
sehe ich die geraubte, die schöne,
einsame Karyatide.
Sie richtet ihren dunklen süßen Blick
auf den lebhaften Körper
des Dionysos
(im Zustand gemeißelter Ekstatse)
nur zwei Schritte entfernt.
Er schaut herab
auf die festen Hüften des Mädchens.
Eine viele Jahre alte Romanze, so will mir scheinen,
verbindet die beiden.
Und ich stelle mir vor: Wenn der Saal sich am Abend leert
von den vielen lauten Besuchern,
steigt Dionysos von seinem Podest, vorsichtig,
um bei den Nachbarstatuen und Bildnissen
keinen Verdacht zu erregen,
schleicht zitternd zu ihr,
und erweicht die strenge Zurückhaltung der Karyatide
mit Wein und Zärtlichkeit.
Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass ich falsch liege.
Vielleicht ist es ein anderes Band, das sie verbindet,
ein stärkers und schmerzlicheres;
an den Winterabenden
und in den herrlichen Nächten des August
sehe ich, wie sie
von ihren hohen Sockeln steigen,
ihre strenge Alltagshaltung ablegen
und voller Heimweh unter Seufzern und Tränen
die Parthenones, die Erechtheien, die ihnen geraubt wurden,
in ihrer Erinnerung mit Leidenschaft wieder aufbauen.
καλά γενέθλια: am freitag hatte das akropolismusmuseum in athen seinen 16. geburtstag, eines der schönsten museen der welt und der perfekte ort für die präsentation der parthenonskulpturen (das licht! die ausrichtung auf den parthenontempel…). und doch klaffen dort immer noch lücken und es fehlen die stücke, die lord elgin auf seinem 11 jahre dauernden raubzug (1801-1812) verstümmelt und gestohlen hat, um sie ein paar jahre später ans british museum zu verkaufen, wo man sie 1838, 1858 und 1937 bei tölpelhaften reinigungsversuchen noch weiter beschädigte (bevor wir uns auf die schultern klopfen: im martin von wagner museum in würzburg hängt ein einsamer kentaurenkopf in einer ecke, der sicher lieber mit seinem körper, der in london ist, in athen vereint wäre).
wenn man einmal den saal der parthenonskulpturen gesehen hat (in echt oder so), ist es klar, dass die wiedervereinigung der skulpturen keine frage von eigentum oder moral ist, sondern schlicht eine kulturelle notwendigkeit.
gleiches gilt auch für die kore c vom erechheion, für die in athen ein platz freigehalten wird, während sie in ihrer londoner gefangenschaft so etwas wie die sprecherin der gestohlenen statuen geworden ist.
16.6.25
Miltos Sachtouris
Der Spiegel
Als mein Spiegel sich
dem Himmel zuwandte
erschien
ein Mond, halb weggefressen
von den roten Ameisen
des Feuers,
und neben ihm brannte ein Kopf
im feurigen Regen,
der leuchtete,
strahlte,
als das Feuer ihn erfasste und zu Kohle machte,
flüsterte
— Die Bäume brennen, verschwinden wie Haar,
der Engel geht verloren mit versengten Flügeln,
und der Schmerz,
ein Hund mit gebrochenem Bein,
bleibt.
Bleibt.
9.6.25
Angeliki Eleftheriou
Spät am Nachmittag
Deine Körper,
die du geopfert hast,
hast du zurück genommen.
Jetzt, wo die Jahre
wie Flocken
von deinem Leben fallen,
und du die Postkarten
von deinen Reisen
verschenkst
und andere wertvolle Souvenirs
wegwirfst,
weil du niemanden findest,
um sie ihm zu geben.
Du bist am Ziel, wie du es vorausgesehen hast.
Und kein Meer zeigt sich
und nirgends ein antikes Theater.
2.6.25
Xanthippe Zachopoulou
Labyrinth
Labyrinth
Das Labyrinth der
Tempel der Erkenntnis
mit dem Minotauros
wird jeden Tag kleiner
bis er
ein Samen wird
im Leib der Pasiphae
Theseus
ein verlorener Vers Homers
Ariadne
ein Mädchen mit Locken und faltigem Rock
im Akropolismuseum
und ihr Faden
ein Strahl der rasend schnell
das rote Knäuel der Sonne abwickelt
26.5.25
Katerina Zigoura
Notizbücher
In einem Notizbuch notierte er die Titel von Büchern, die er irgendwann einmal lesen würde,
klebte Photos ein von Menschen, von denen er sich wünschte, dass sie seine Freunde wären;
zeichnete Notenlinien, die er irgendwann mit Tönen füllen würde;
sammelte Karten und Pläne von Orten, die er einmal besuchen,
und Samen, die er einmal einprflanzen würde, damit sein Zimmer voller Blüten sei.
Aber der Herr aus dem 6.Stock starb eines Morgens, bevor er all das tun konnte.
Vielleicht war das sein ganzes Leben, diese Aufzeichnungen,
und er hinterließ ein schweres Erbe – der Menschheit oder mir allein,
seine Geschichte zu erzählen in der dritten Person.
Und ich bin doch nur die Frau aus dem 5.Stock, die,
die in ihren Notizbüchern
kurze Geschichten sammelt von einsamen Menschen.
19.5.25
Olga Papakosta
Not enough memory
Einmal diktierte die Muse
mir Verse, als ich schlief auf der Veranda.
Ich war klein, ich merkte mir alles
und schrieb es auf, als ich wach war.
Damals wusste ich, was Hoffnung heißt.
Blätter hatte ich viele und viele Stifte.
Die Worte waren meine Rettungsringe.
Die brachte ich ordentlich auf das Papier.
Und wenn ich ertrank, rannten sie, mich zu retten
vor bösen Feen und Drachen,
die konnten mich dann nicht mehr töten.
Jetzt schläft meine Muse und ich wache.
Ich schreibe und streiche neben leeren Gruben,
die füllt sie, wenn sie sich erinnert, mit Blut.
(dt. von Kartakis und Hansen)
12.5.25
Katerina Agyioti
Schmerzberichtigungen
Hast du schon einmal überlegt,
dass du möglicherweise falsch leidest?
Dieses stumme Überbleibsel,
eine einsame Kurve in den Eingeweiden,
dass die Braut keinen Partner hat bei ihrer Klage
das muss dich misstrauisch machen
(Und: „Braut“? Viel zu dramatisch)
Lerne du, richtig zu leiden und, vor allem,
gerecht. Zu angemessenen Anlässen.
So sprach der Dichter.
Und weil wir ohne Hoffnung waren,
folgten wir ihm.
(dt. von Kartakis und Hansen; ein paar weitere gedichte von Katerina Agyioti finden sich auch in der rubrik lesesaal)
5.5.25
Phoebe giannisi
Zirpende Zikade
Es ist nur die Stimme die begehrt
diese süße dünne Stimme fließt
dick wie Honig auf die Erde
Und Tithonos in seinem Käfig
als zirpende Zikade
wenn die Distel blüht
wenn die Hitze dieser Staat im Staat uns
in den Sommer sperrt
spuckt die trillernde Zikade
ihre Stimme auf
die Erde
die Stimme des immerwährenden Begehrens
singt
lässt mit ihrem nicht enden wollenden Rhythmus uns
die Augen zufallen singt uns wie Sirenen in den Schlaf.
.
Die Zikaden, so erfahren wir in Platons Phaidros (aus einem von Sokrates adhoc erfundenen Mythos) sind Abgesandte der Musen, schauen singend aus den Bäumen auf uns herab und beobachten genau, ob wir uns von ihrem Zirpen in der Hitze des Mittags träge wie Vieh an der Quelle einschläfern lassen, oder ob wir ihren Gesang wie den der Sirenen umschiffen und uns in einer den Musen wohlgefälligen Weise beschäftigen (mit Gedichten zum Beispiel).
28.4.25
Konstantinos Kavafis
Che Fece … il gran rifiuto
Für manche Menschen kommt ein Tag, da müssen sie
das große Ja sagen oder das Große Nein.
Es zeigt sich sofort, wer es in sich hat,
dieses Ja, und es, hat er es einmal gesagt, weit bringen wird
zu Ehren und überzeugt von sich selbst.
Wer es verweigert, bereut es nicht. Würde er noch einmal gefragt,
er würde wieder Nein sagen. Und doch drückt es ihn nieder, dieses Nein,
dieses berechtigte Nein, sein Leben lang.
21.4.25
Meleagros von Gadara
Kaum schwindet der sturmreiche Winter vom Himmel,
da lächelt schon die purpurne Zeit des Frühlings.
Die schwarze Erde bekränzt sich mit grüner Weide,
und die strotzenden Pflanzen lassen frische Blätter auf ihrem Schopf sprießen.
Die Wiesen trinken den sanften Tau der pflanzennährenden Eos,
sie lachen und die Rosenblüte öffnet sich.
Es freut sich auch der Hirte, der in den Bergen die Syrinx spielt,
und von seinen grauen Böckchen ist der Hüter der Ziegen entzückt.
Schon fahren die Seeleute auf die breiten Wogen hinaus
und lassen im sicheren Hauch des Zephyrs das Zeug sch blähen.
Schon schreien zum rebentragenden Dionysos die Frauen,
die mit der Blüte des traubentreibenden Efeus die Haare sich kränzen.
Um kunstvolle schöne Werke ist es den rinderentstammenden Bienen
zu tun, sie sitzen im Stock und werken eifrig an
strahlend schönen neuen Waben aus schmiegsamem Wachs.
Überall singen die Familien der Vögel mit heller Stimme,
Eisvögel in den Wellen, Schwalben um die Dächer,
Schwan am Ufer des Flusses und Nachtigall über dem Wäldchen.
Wenn die Pflanzen freudig ihren Schopf heben und die Erde erblüht,
wenn der Hirte auf der Flöte spielt und sich freut an den schönwolligen Schafen,
wenn die Seeleute ausfahren, wenn Dionysos tanzt,
wenn die Vögel singen und die Bienen sich mehren,
wie sollte dann nicht auch der Sänger im Frühling schön singen?
(das gedicht findet sich im neunten buch der anthologia graeca)
14.4.25
Katerina Angelaki-Rooke
Es zeigt sich auch in anderen Gedichten
Verstanden habe ich den Frühling nie
— das zeigt sich auch in anderen Gedichten —,
daher auch all die Missverständnisse mit dem Fleisch,
der Hoffnung, der Selbsterkenntniss durch die Zeiten.
Ich habe es nie geschafft, das jährliche Wunder
in Einklang zu bringen mit dem ewigen Schweigen,
die Wahrheit der erneuerten Blüte
mit dem einen einzigen Tod.
Ich habe heute wieder das neue Grün studiert,
und wie der eisige Wind, erschrocken vor den Avancen der Natur,
einen Schritt zurückweicht.
Das Licht kokettiert in halbverborgenen Gestalten,
und ich bin wieder vom Thema abgekommen.
Es gibt nur ein Thema: den persönlichen Körper
und seinen unpersönlichen Untergang.
(dt. von Kartakis und Hansen)
7.4.25
Marigo Alexopoulou
Wracks (oder Dein weißes Hemdchen)
Damals gingen wir weit draußen vor Anker,
mit kleinen Booten näherten wir uns
dem Hafen.
Wann kamst du zum letzten Mal
in meinen Schlaf,
um mir ein Meer zu geben,
einen Himmel,
etwas von der weißen Landschaft?
Du stammst von den Kykladen,
du bist das, was bleibt
von den Wracks.
So sind die Schiffbrüche
wie sie sich spiegeln im Dunkel.
Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
Auch die Kunst des Schweigens
verlangt die der Fiktion.
(dt. von Kartakis und Hansen)
31.3.25
Katerina Gogou
Eine Zeit wird kommen
Eine Zeit wird kommen, da die Dinge sich ändern.
Vergiss das nicht, Maria.
Weißt du noch, Maria, unser Spiel in den Pausen,
als wir rannten mit einem Stock in der Hand
sieh mich nicht an – weine nicht. Du bist die Hoffnung.
Pass auf, die Zeit wird kommen,
da die Kinder ihre Eltern wählen können
und nicht zufällig irgendwo auf die Welt kommen.
Dann wird es keine verschlossenen Türen mehr geben
mit gebeugten Menschen draußen.
Und unsere Arbeit
werden wir uns selbst aussuchen,
werden nicht wie Pferde sein, denen man ins Maul schaut.
Die Menschen – stell dir das vor – werden in Farben sprechen
und andere in Tönen.
Wörter und Begriffe wie
Unangepasste Unterdrückung Einsamkeit Ehre Gewinn Erniedrigung
die bewahrst du am besten
in einem großen Krug mit Wasser auf
für den Geschichtsunterricht.
Maria, ich will nicht lügen,
die Zeiten sind schwer
und es werden noch andere schwere kommen.
Ich weiß nicht – erwarte nicht zuviel von mir –
soviel habe ich erlebt und gelernt, soviel sage ich
und von allem, was ich gelesen habe, habe ich eines behalten:
„Wichtig ist, dass du ein Mensch bleibst.“
Wir werden das Leben verändern,
trotz all dem, Maria.
24.3.25
Katerina Karizoni
Kurzbiographie
Meine Mutter war ein giftiger Pilz,
mein Vater ein Frühling, der die Blätter abwirft,
meine Schwester eine Akazie in einem Blumentopf
im Hausflur.
Als ich größer wurde, schnitt meine Mutter mir die Haare
und begann, mich reichlich zu füttern,
damit ich dick werde und sie lachen konnte über mich.
Nach einigen Jahren passte ich nicht mehr in mein Bett
und so verließ ich dann mein Zuhause.
Ich brachte zwei ziselierte Kinder zur Welt
und versteckte sie in einem alten Album,
in dem ich Tag und Nacht blätterte.
Mein Mann verschwand eines Morgens,
als es verrostete Stecknadeln regnete,
und ich versuchte das erste Mal,
Tinte zu trinken und mich damit umzubringen.
So begann ich, Gedichte auszuspucken
und das Blatt zu beschmieren,
und dazu noch Karten zu zeichnen mit unbefestigten Städten
und Soldaten an den Grenzen, die gefallen waren
in einem längst vergangenen und verlorenen Papierkrieg,
bis alles nach und nach zu Staub wurde.
(dt. von Kartakis und Hansen)
17.3.25
Miltos Sachtouris
Die Taube
Da entlang würde die Taube kommen
auf den Straßen hatten sie Fackeln angezündet
und andere Menschen hielten Wache zwischen den aufgereihten Bäumen
Kinder hatten Fahnen in ihren Händen
die Stunden vergingen und es begann zu regnen
danach wurde der gesamte Himmel dunkel
ein Blitz flüsterte etwas furchterregendes
und der Schrei brach los im Mund des Menschen
wie ein Hund mitten in der Nacht
heulte da die weiße Taube mit den wilden Zähnen
10.3.25
Alexandra Sotirakoglu
6.
Alles begann, wie es sich gehört.
Ich wurde geboren
(sie wollten mich ja um jeden Preis).
Ich öffnete meinen Mund,
wurde ein schwarzes Loch
und wuchs heran.
Βum Fasching schneiderten sie mir ein Erwachsenenkostüm.
Unter Tränen.
Auf den Leib.
So erfuhr ich von jener Welt, deren Mittelpunkt der Mensch ist
– nicht ich –
Ich wurde zerschnitten (aß meinen Vater).
Ich war spät dran (hatte meinen ersten Mann mit siebzehn).
Ich sterbe daran!
das gedicht stammt aus dem zyklus einzelkind (mehr im bücherregal in der anthologie „Wo man spazieren gehen kann und es Orangenbäume gibt“)
3.3.25
Katerina Angelaki-Rooke
Die Zikade
In mir stauen sich tausende Sommerlieder. Ich öffne den Mund und in meinem Drang versuche ich, sie in eine Reihe zu bringen. Ich singe. Ich singe schlecht. Doch dank meinem Gesang unterscheide ich mich von der Rinde der Äste und allen anderen stummen Lautsprechern der Natur.
Meine schlichtes Gewand — grau und asbestfarben — macht es mir unmöglich, es mit der Sinnlichkeit zu übertreiben und so, ausgeschlossen von den grellen Festen der Zeit, singe ich.
Von Frühling, Ostern und Veilchen weiß ich nichts. Die einzige Auferstehung, die ich kenne, ist, wenn sich ein leichter Wind zu regen beginnt und ein wenig die furchtbare Hitze meines Lebens kühlt.
Dann höre ich auf zu heulen — oder zu singen, wie die Welt meint — weil das Wunder einer Kühle tief in mir mehr bedeutet als alles das, was ich zustande bringe, um nicht zu sterben vor Hitze.
(übersetzt von Kartakis und Hansen)
(mit einer woche verspätung zum geburtstag der 2020 verstorbenen großen dichterin Katerina Angelaki-Rooke. und als kleiner vorgeschmack auf den sommer…)
24.2.25
Michalis Ganas
Das Blau, das dich umgibt
Das Blau, das dich umgibt,
ist die Asche
der verbrannten Zeit.
Ein Wind kommt auf,
bringt Photos und Hefte
aus früheren Jahren.
Da lachst du, da schweigst du,
eine Aufnahme von dir mit Blitz,
du hast eine schwarze Aura.
Das Blau, das dich umgibt,
ist das Licht,
das der Tod verdrängt.
Niemand kann es sehen.
Und doch ist es da.
Und nimmt zu.
17.2.25
NOSSIS
Nichts ist süßer als die Liebe, alles Prächtige ist nur zweite Wahl
dagegen, selbst Honig spucke ich aus.
Nossis sagt das und: Wen Kypris nicht liebt,
der weiß auch von Rosen nicht, was das für Blumen sind.
(als nachtrag zum valentinstag hier ein gedicht aus dem frühen 3.jh. v.chr. das selbstbewusstsein, mit dem die dichterin Nossis hier ihren eigenen namen nennt, ist angesichts der qualität ihrer dichtung durchaus gerechtfertigt – und doch besitzen wir von ihrem werk nur noch 11 epigramme mit insgesamt 44 versen…)
10.2.25
Chara Prevedorou
Fabel
Die Schlange und die Schnecke waren Freunde.
Sie lebten in demselben Gebüsch
und unterhielten sich in ihrem beredten Schweigen,
wenn sie ihre Bahn über den Boden krochen,
um Wasser zu trinken aus der Quelle auf der anderen Seite.
Das war unsterblich wie alle Gewässer.
Als das Rad sie tötete,
breiteten sich ihre ausgedörrten Zungen aus,
und kein Tropfen fiel von ihnen auf den Boden herab.
All die Götter, die sich im Gebüsch verbergen,
nannten es einen großen Fehler, Dürstende zu töten,
und daher fließt aus der Quelle von Alli Akri
jederzeit nur bitteres Wasser.
(Was die Moral betrifft,
trotz so vieler Flüsse hat der Tod kein Wasser,
das den Durst stillt.)
(dt. von Kartakis und Hansen)
3.2.25
Anna Griva
Maria und die Lilie
Die Lilie war schwarz.
Der Engel trug eine schwere Rüstung.
Was er sagte, war wie eine Kriegserklärung.
Sie selbst war ein Schlachtfeld.
Sie sah gespannt aus dem Fenster,
sah in der Ferne die Wüste tanzen,
hörte auf der Straße die Stimmen
der Frauen und ihr Gelächter.
An den Dächern hingen die sauberen
weißen Laken im Wind.
Der Fluss der Ereignisse
hörte überhaupt nicht auf.
Für kurze Zeit vergaß sie den Engel,
der sie aufforderte, ihren Platz einzunehmen.
Welcher ihr Platz sein würde,
war ohne Bedeutung.
Nur das wusste sie noch, dass der Kampf
unter ihrer Hülle wüten wird,
unter ihrer Haut,
wie ein glänzend roter Apfel,
den langsam der Wurm verzehrt,
das winzige Wesen mit der unbekannten,
der finsteren Schönheit.
(dt. von Kartakis und Hansen)
vor wenigen tagen wurden die preisträger*innen des griechischen staatspreises für literatur bekanntgegeben. dieser preis wird in einer beneidenswert großen anzahl von kategorien verliehen (fast soviele wie die grammys scheint mir); in der sparte lyrik ging er an Anna Grivas Band „Die verlorene Göttin“ (η χαμένη θεά). wir gratulieren herzlich.
27.1.25
Dimitris Angelis
Über den Wolken unserer Stadt hängt eine andere Stadt an Stricken. Ihre Obstbäume sind der Rauch aus unseren Schornsteinen, die Träume unserer Kinder sind die Schneeflocken auf ihren gotischen Glockentürmen, unsere bescheidensten Wörter sind die Getreidekammern, die die ausgestorbenen Tiere unserer Welt ernähren, die dort unbeschwert ihr Leben weiter führen. Ähren und Vogelscheuchen wachsen sogar in den Häusern, prächtige Schwäne schwimmen auf den Kanälen der Stadt, und es genügt, dass du am Abend ein wenig Milch in eine Untertasse gießt, damit der verborgene Mond deines Gartens erscheint. Dort leben der Sammler der Raben, die Familie Cascabel, der Einbalsamierer Lenins und der Evangelist Johannes. Dort leben der heilige Pasternak mit seinem verbotenen Gedicht Hamlet und der heilige Samson, der Hotelier, mit seinen abgekauten Nägeln.
Es gibt viele Strickleitern, Falltüren und andere geheime Wege, um in die obere Stadt zu kommen. Ich gelange dahin, wenn ich in deinen grünen Katzenaugen verlösche.
(dt. von Kartakis und Hansen)
20.1.25
Tsabika Hatzinikola
Küsse
Die innigsten Küsse
auf die Winkel deiner Lippen
da, wo Rosen blühen
und das Lächeln der ganzen Welt;
und auf deine Augenwinkel,
wo es hell ist
lange vor Sonnenaufgang;
und auf deine Fingerspitzen,
wo ich dein Verlangen messe
und deinen Puls
in meiner Umarmung.
(dt. von G. Schaaf) das gedicht stammt aus dem band Ακροδάχτυλα / Fingerspitzen, der seit gestern auch hier auf der website im bücherregal zu finden ist.
13.1.25
Nana Papadaki
Ino
Wie ein dunkler Vogel mit gespaltenem Schwanz
tauchte sie wieder hinab ins wellenbewegende Meer
5,337
Wird kommen von den Ufern der blaue
Schädel Schaum hockt in den Ve-
nen und der Sturm der schwere sucht
einen ruhigen Ort eine Hand — oder ein Grab.
Versteinerung auf der Brust von wei-
ßer Zeit Stimme teilt sich entzwei bohrt
in den Wind wie ein Kind die leichte
Hand hebt versiegelt die Lippen die
Lippen im sicheren Lächeln das
verlischt.
Und die Welt schreitet voran.
nachdem Odysseus die insel der Kalypso auf einem floß verlassen hat, gerät er in einen sturm und wird von der weißen göttin (Ino / Leukothea) gerettet. in ihren schleier gehüllt erreicht er dann endlich die küste der Phaiaken. die beiden verse im motto stammen aus dem fünften buch der Odyssee und bezeichnen dort anfang und ende der begegnung mit der göttin (337f.: αἰθυίῃ δ᾽ ἐϊκυῖα ποτῇ ἀνεδύσετο λίμνης, / ἷζε δ᾽ ἐπὶ σχεδίης καί μιν πρὸς μῦθον ἔειπε [einer ente gleich flog sie auf aus dem wasser, / setzte sich zu ihm auf das floß und sprach…]; 352: αὐτὴ δ‘ ἂψ ἐς πόντον ἐδύσετο κυμαίνοντα [sie aber sank schnell wieder hinab in das wellige meer]
6.1.25
Sappho
frg. 2
…
hierher mich aus Kreta zu diesem heiligen
Tempel, wo der reizende Hain ist
von Apfelbäumen und Altäre auf denen
Weihrauch brennt.
Drinnen hört man kühles Wasser durch Zweige
von Apfelbäumen, von Rosen ist das ganze Land
beschattet, es zittern die Blätter,
Schlaf fließt herab.
Drinnen blüht eine Weide, die Pferde nährt,
von Frühlingsblumen, die Winde
wehen süß
…
Dort nimm Kränze, Kypris,
in goldenen Bechern mische reinen
Nektar mit Freuden
und schenke uns ein.
(als ersten text des jahres ein feierlicher klassiker, Sapphos auf einer tonscherbe überliefertes fragment 2. euch und ihnen allen wünsche ich ein gutes neues jahr.)
30.12.24
Kostas Papageorgiou
Kaleidoskop
Die Bettler wurden zu Zugvögeln und allerlei Arten
von Flügeln ohne Berührung mit dem Himmel. Fetzen eines vorzeitigen
Regenschauers und Bilder von Schafen die unbekümmert weiden
mit ihrem blendend weißen Blöken unter den Blicken der Wölfe;
dabei setzen sie einen Ort ausgestreckter Ruhe zusammen aus-
gegraben aus den löchrigen Momenten eines Herbstes. Und ich
der ich noch nie tierlieb gewesen bin frage mich jetzt
wie alle diese herrenlosen Wesen in mein Haus
gekommen sind vor denen ich zittere.
(dt. von Kartakis und Hansen)
23.12.24
Maria Laina
Was es nicht gibt
Der schlimmste Albtraum sagte:
Stell dir vor, sagte er, du erfährst plötzlich,
so, wie du gerade dasitzt, erfährst du,
diese Hurensöhne sagen dir also,
dass deine wertvollsten Momente,
Orte und Menschen
nicht vergangen sind
und nicht gestorben,
sondern, schlimmer,
dass es sie nie gegeben hat,
die Hölle, sagte er,
das ist die Hölle.
Aber auch jetzt sehe ich wieder Dinge,
die es nicht gibt,
sehe sie so, wie ich gerade dasitze,
verstehst du?
Ich gebe der Versuchung nach, sie mir vorzustellen.
Was siehst du? sagte ich,
sag mir etwas, das du siehst
und das es nicht gibt.
Ein Rentier, sagte er,
das den Weg herabkommt,
und in seinem Ohr hat es einen Ring.
Ach, sagte ich, in Ordnung,
das gibt es.
(dt. von Kartakis und Hansen)
16.12.24
Niki Chalkiadaki
Hide and sick
Den Freunden mit den aufgeschürften Knien
hat man T-Shirts angezogen,
und hat sie gelehrt, sich zu verstecken
– nur zu verstecken –
Die Freunde aus Mandarinen und Erde
hat niemand gesucht.
Sie sind wohl verfault auf den Höfen
hinter den Autos.
Ihre minderjährigen Leichen
zittern unbestattet.
Mama, steck mich wieder in deinen Bauch
– nur bis heute Abend –
und bring mich morgen auf der Straße zur Welt.
In mir trage ich
FREIheit genug für alle.
(dt. von Kartakis und Hansen)
9.12.24
Jannis Ritsos
Ebenen, dauerhaft
Unter den Fundamenten Fundamente. Unter den Häusern
die Kirchen.
Glockentürme über den Häusern. Wie tief
wurzelt die Feige im Fels? An welchem Zweig des Windes
hängt der goldbekränzte Engel? Wir steigen auf,
setzen die Füße auf die Schultern der Toten mit Erde
auf ihrer Brust,
eine Prozession von Ruinen. Die Feigenkakteen stehen Spalier
aufgestellt
entlang an der Länge der Zeit, stumm ohne Antwort zu geben
und ersticken mit ihren breiten Händen den Schrei der
vergrabenen Glocke.
Monovasia (Monemvasia) ist ein kleiner ort auf einer kleinen halbinsel im osten der peloponnes. von hier stammte der dichter Jannis Ritsos, der den ort seiner kindheit erst nach dem sturz der militärdiktatur 1974 wieder besuchen konnte. der gleichnamige zyklus, aus dem dieses gedicht stammt, entstand in den jahren 1975-1976.
2.12.24
Kristalli Gliniadaki
An einem kalten und stummen Dezemberabend in der Bar
von Edward Hopper
warte ich, dass du kommst
und die Wirklichkeit abschaffst,
unwichtig machst,
was mich umgibt. Bevor du kommst
schreit alles.
Du erscheinst und alles schweigt.
(dt. von Kartakis und Hansen) allen leser*innen wünschen wir eine ruhige vorweihnachtszeit.
25.11.24
Anna Griva
600 v.Chr. Sappho und Kleis
„Dass sie die ganze Nacht singt,
sich nicht kümmert darum
ob das Kind gegessen hat oder getrunken,
ob es warm genug angezogen ist
und nicht frieren muss,
dass es hängt an ihrem Rockzipfel
und lacht wie berauscht
von ihren Zärtlichkeiten
und von ihrer Stimme.“
Doch wenn auch die Frauen so etwas sagten,
dass sie sich nicht kümmert
ob das Kind gegessen hat oder getrunken,
wenn sie sang
für ihre kleine Kleis
— die golden war und wertvoller noch
als Lydiens ganzer Reichtum —
dann war das Haus gebadet in Licht,
das kam aus der Tiefe heraus,
und da dachten alle, dass wer dort hineingeht,
nicht essen muss, nicht trinken,
den Winter nicht fürchten
und auch den Tod nicht.
Wie ein Schmetterling lebt, so
kann man dort leben
vom Nektar, dem Wind.
gegenwärtige Sappho… ein gedicht aus Anna Grivas band „Daimonioi“ (2019) – mehr daraus demnächst im lesesaal. und zur illustration noch Sapphos fragment 132: ein schönes mädchen habe ich, goldenen blumen / gleicht seine gestalt, Kleis mein liebling, / die gebe ich für ganz lydien nicht her und nicht für die reizende…
18.11.24
Sappho
…
dich, einer Göttin gleich, an deinem
Gesang erfreute sie sich am meisten.
Jetzt ragt sie hervor unter lydischen Frauen
wie einmal, wenn die Sonne untergeht
der Mond mit den rosigen Fingern
alle Sterne überstrahlt und sein Licht legt
auf das salzige Meer
und genauso auf die blühenden Felder.
Ausgegossen wird feiner Tau,
es blühen die Rosen, zarte
Kräuter und Honigblüten.
Viel geht sie auf und ab, an die schöne
Atthis denkt sie mit Sehnsucht,
die zernagt ihren zarten Sinn.
Dorthin zu kommen …
…
spricht … die Mitte.
Nicht leicht ist es für uns, Göttinnen
an Schönheit gleichzukommen
du aber …
(fr. 96 Voigt. neugriechisch ist das natürlich nicht, aber trotzdem ist Sappho – nicht nur in der griechischen lyrik – noch immer gegenwärtig…)
11.11.24
Dimitris Eleftherakis
Jemand soll sagen
Jemand soll da sein. Jemand
soll uns das Kissen aufschütteln.
Jemand soll uns etwas dalassen für die Zeit,
wenn er nicht mehr da ist.
Jemand soll vor uns gehen
oder nach uns.
Jemand soll den Tisch decken.
Unsere Lieblingsspeisen essen.
Ein wenig Wein auf die Erde gießen für uns.
Jemand soll uns sagen, dass auch das Ende, wenn es kommt,
vorübergehen wird wie alles andere.
(… ein wenig wein auf die erde gießen für den großartigen dichter Dimitris Eleftherakis, der am 11.11.2020 im alter von nur 42 jahren gestorben ist)
4.11.24
Myrsini Gana
.
Die Vögel sind fort
und die Marienkäfer.
Fort sind die Insekten
mit ihrem verrückten Tanz.
Im Reich des Gelb
duften die Böden
Feuchtigkeiten,
und ein unbekanntes Wesen
bewegt sich auf uns zu,
streicht um unser Haus,
rollt sich in jeder Ecke zusammen
und sieht uns an.
Ich baue ihm
ein Nest
aus Schweigen,
vielleicht hört es dann auf
zu brüllen.
(dt. von Kartakis und Hansen)
28.10.24
Giorgos Seferis
Hier zwischen den Knochen
Zwischen den Knochen
Musik
die kommt über den Sand
kommt über das Meer.
Zwischen den Knochen
der Ton einer Flöte
der Ton einer fernen Trommel
und dünnes Glockengeläut
die kommen über vertrocknete Felder
über das Meer mit Delphinen.
Ihr hohen Berge, hört ihr uns nicht?
Helft doch, helft uns.
Ihr hohen Berge, wir vergehen, Tote unter den Toten.
(1943)
επέτειος του όχι, der tag des Nein: am 28.10.1940 lehnte griechenland die forderung der italienischen regierung nach freiem geleit für die truppen und preisgabe strategisch wichtiger punkte ab. wenige stunden danach marschierte die italienische armee ein (und wurde zurückgeschlagen), kaum ein halbes jahr später wurde griechenland dann von der deutschen wehrmacht besetzt. die europäische demokratie verdankt griechenland sehr viel mehr als nur ihre antiken wurzeln.
21.10.24
Konstantina Korrivanti
Sister self on display
[London, British Museum, Caryatid]
i.
Früher war es anders.
Da berührte mich nie jemand.
Heute spüre ich
ein Streicheln am Handgelenk,
jemanden hinter mir.
Du hast mich vor dir,
und ich weiß nicht,
ob du mich ansiehst,
dich oder die anderen.
*
Ich denke, du könntest mir sagen,
woher ich komme oder auch nur, wie ich ungefähr aussehe.
Die Leute gehen vorüber, bleiben stehen —
und dann geht es weiter
mit geflüsterten
Halbsätzen wie
pentelic marble / peplos
one of six / vessel
missing hands / burden
return / return
Was bin ich?
Keine Bildhauerin, kein Ausstellungsstück.
Vielleicht eine Wache,
die am Abend das Licht ausmacht.
ii.
Sonntag. Bloomsberry. Nieselregen.
Hauptsatadt der Passanten.
Ich mag dieses Geräusch —
die eiligen Schritte,
der schwache Puls des Lebens in mir
und drumherum das große Herz der Stadt.
Wer bin ich?
Keine Vorübergehende, keine einzige,
keine einzigartige, keine nie gesehene.
Stein oder Fleisch,
das auf den Straßen glänzt
wie ein Schatten
der an seinen Platz zurückkehrt.
*
Ich komme oft hierher —
sehe sie mir an.
Ich höre, was gesagt wird über sie
im überfüllten Saal.
Kore / Säule
zweite von links
Hände abgebrochen / Gewicht
Rückkehr / Rückkehr
und denke —
Wie kann das, was in Stein gemeißelt,
das, was mit graubt worden ist,
das was der Zeit standhält,
etwas anderes sein als
eine von uns.
am freitag wäre Melina Merkouri 104 geworden, die griechische kulturministerin, die sich unermüdlich für die rückkehr der von Elgin gestohlenen skulpturen des parthenon-tempels nach athen eingesetzt hat. die erfolge dieser bemühungen sind bisher leider spärlich; Artemis hat immerhin vor kurzem ihren fuß aus italien zurückbekommen, aber viele stücke fehlen noch (unter anderen ein kentaurenkopf in würzburg, ein pferdebein in münchen…), und auch die fünf Karyatiden in athen warten noch immer auf ihre schwester, die in ihrem erzwungenen londoner exil den wasserschaden im raum g19 des british museum betrachten muss…
14.10.24
Katerina Angelaki-Rooke
In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck
Ich betrachte das Leben heimlich durchs Schlüsselloch,
spioniere ihm nach, vielleicht verstehe ich dann,
warum es immer gewinnt während wir verlieren.
Wie die Werte entstehen und dem aufgezwungen werden,
was als erstes schmilzt, dem Körper.
In meinem Verstand bin ich tot ohne eine Spur von Krankheit,
ich lebe ohne irgendeine Ermutigung zu brauchen, ich atme,
auch wenn ich in naher-weiter Entfernung bin
von dem, was warm berührt wird, was entzündet…
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen das Leben
sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Meine Weisheit verdanke ich der Angst.
Blütenblätter, Seufzer, Farbtöne, die werfe ich fort,
Erde, Luft, Wurzeln behalte ich;
fort mit dem Überflüssigen,
sage ich, auf dass ich in den Himmel des Nichts gehe
mit leichtem Gepäck.
(aus dem band „Die Engel sind die Huren des Himmelreichs“, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen)
7.10.24
Danae Siouziou
Krieg an allen Fronten
Neuerdings haben die Wörter begonnen, sich mir zu fügen
heute zum Beispiel fühle ich mich ein bisschen einsam
ich sitze im Kafenío am großen Platz
und buchstabiere die Namen auf den Schildern rückwärts
zwei Hunde baden im Brunnen
ein paar Leute lassen sich fotografieren
ich sehe ein Meer aus Textilien
über den Zebrastreifen laufen
Richtung Innenstadt
ich muss daran denken, dass Menschen, die Straßen reinigen
sie auch vom Blut reinigen
dass die Wolken quicklebendig sind wie die Wörter
und die Gedichte, die plötzlich erscheinen
nicht unbedingt den Regenbogen bringen
unterdessen verheißen uns auf Erden unzählige Religionen
unzählige Sprachen der Erlösung
so auch die Liebe
— wenn ich einmal aus allen Wolken fallen sollte
erzähle ich euch die Geschichte der Welt
vom Minotaurus bis zum Monoceros —
aber bis dahin
— die Wolken ziehen vorbei, der Abend fällt —
hat die Welt ihre Rüstungen
und der Körper sein Lied.
(aus dem band Mögliche Landschaften, parasitenpresse Köln, dt. von E. Pallantza und P. Holland)
30.9.2024
Konstantinos Kavafis
Morgendliches Meer
Hier will ich stehen. Und will
ein wenig die Natur ansehen.
Des morgendlichen Meeres und des wοlkenlosen Himmels
strahlendes Blau und das gelbe Ufer: Alles
schön und hell erleuchtet.
Hier will ich stehen. Und will mir einbilden, dass ich es sehe
(ich habe es wirklich gesehen, für einen Moment, als ich stehengeblieben bin),
und nicht auch hier nur meine Einbildungen,
meine Erinnerungen, die Abziehbilder der Lust.
zum internationalen tag des übersetzens ein gedicht von Kavafis, einem der am meisten übersetzten modernen griechischen dichter. aber wie sich gedichte immer wieder neu lesen lassen, lassen sie sich auch immer wieder neu übersetzten, das ist ja das schöne daran…
23.9.2024
Lenia Safiropoulou
(aus dem band Αίθουσα των χαμένων βημάτων)
Ein Päckchen zukünftiges Leben
nachlässig unter den Baum geworfen.
Und Regen zieht auf, vielleicht sogar Hagel.
Wer war so dumm, es da liegen zu lassen —
ich nahm es mit und verwahrte es sicher im Turm, den ich gebaut hatte der Zeit zum Trotz.
Dort bewahre ich auf die drei Minuten Ruhm des Frühlings,
jede schwarze Feder ausgerissen im Raufen der Raben.
Damit schreibe ich ohne Tinte.
Es kann schon sein, dass die Seiten der Gegenwart leer bleiben,
ich lasse sie trotzdem nicht verstreut werden im Wind der Zukunft.
Wenn ich einst meine Gestalt ändern will,
werde ich mich nackt in ein Laken wickeln,
werde über die Wiese gehen ohne einen Halm zu knicken
und dem nächsten die Wache überlassen.
dass dichter*innen brotberufe haben (müssen), weiß man ja. Lenia Safiropoulou ist außer dichterin und übersetzerin auch sängerin (und man kann sie hier hören). da wundert es nicht, dass in ihren gedichten rhythmus und tonlage (und an tonlagen ist das griechische ohnehin reich) ein große rolle spielen.
16.9.2024
aus Περὶ ξενιτείας
…
Jetzt will ich euch erzählen von den armen Menschen,
die vom Schicksal gebrannt sind seit ihrer Geburt.
Die quält das Fremdsein mit tausendfachen Martern,
wie es auch mich der Qual verschrieben hat.
Die Fremde vergällt mir bei Tag und bei Nacht
das mühsame Exil, sie ist das reine Gift.
Es ist davon mein Kopf ganz voll, in Qualen
wand ich mich oft und winde mich noch immer.
Und oft schon habe ich gefragt die Fremden in der Fremde,
dass sie mir sagen, ob sie jemals einen guten Tag gehabt.
Und keiner fand sich, niemand von den Fremden,
der etwas Gutes mir zu sagen, der auch nur eine Stunde,
der einen Tag nur in der Fremde hätte loben wollen.
Sie weinen alle nur und sagen: „Die Fremde hat uns umgebracht,
hat uns verschlungen und wir gehen zugrunde,
die Glieder schwinden in der Fremde uns dahin.“
Und ihr, die ihr mich hört, ihr könnt es ruhig glauben.
Wer trinkt schon aus dem Meer und es kratzt ihm nicht im Hals?
Wer isst schon Steine und wird satt
und lebt und wandelt weiter auf der Erde?
Wer hat denn schon ein Schiff gesehen, wer schon eine ganze Flotte,
die über Bergeshöhen fährt und über Gras und Gipfel?
Wenn ich nur einen Menschen finde, der mir zu recht versichern kann,
dass er ein solches Wunder schon gesehen hat,
dann will auch ich es sagen: „Ja, die Fremden haben Glück,
wahrhaftig, wie die Waisen und die Armen!“
Oft habe ich gesessen bei den Fremden und Verbannten,
die knapp zu Mittag, schändlich schlecht zu Abend essen können,
und dann erschöpft und unter Tränen schlafen gehen.
Wie elend doch das Schicksal ist der armen Menschen ohne Heimat!
…
ich tu mich schwer mit dem begriff „neugriechisch“, vor allem deswegen, weil er bei vielen die vorstellung von unterbrechung und neuanfang auslösen kann oder sogar soll. aber natürlich mag zwar die antike irgendwann am ende gewesen sein, die griechische sprache war es nicht und hat — wenn auch nicht mehr als weltsprache — überlebt, sich entwickelt und weiterhin literatur hervorgebracht. mich begeistert dabei sehr die literatur der sogenannten kretischen renaissance, werke also, die auf kreta entstanden sind zur zeit der venezianischen besatzung vom 13. bis zum ende des 17.jh. dort finden sich literarische meisterwerke von großartiger schönheit (zwei davon, η βοσκοπούλα und der απόκοπος, finden sich hier im bücherregal) und ein interessantes mit- und durcheinander von antiken griechischen wie zeitgenössischen italienischen und ganz eigenen kretischen literarischen motiven; kreta war ja schon bevor die afrikanische königstochter Europa hier ihren kontinent betreten hat ein guter ort für kulturelle amalgamierungsprozesse.
eines dieser motive, die immer wieder unterschiedlich durchgespielt werden, ist die vertreibung aus der heimat. die verse hier stammen aus einem anonymen gedicht des 15.jh. „über das exil“.
9.9.2024
Jorgos Kartakis
Pseudepigraphon
Auch wenn Dikaiopolis Flügel wuchsen,
es war doch sein Schicksal in der Aegaeis zu versinken.
Gepökelt neben den uralten Wracks
und den toten Kindern
lacht er mir zu
aus der Tiefe der Geschichte,
die ich mir gerade ausdenke, um euch zu erzählen,
dass die verheißungsvollen Namen
hinabrollen in den Abgrund,
und dass ihre Sage sowenig existiert
wie die, die ich erfinde.
auch ein schönes paradoxon: übersetzen ist ein einsames geschäft. aber eines, bei dem man den menschen hinter den texten immer wieder sehr nahe kommt und bei dem man zum glück manchmal freunde braucht, die helfen, oder auch, wenn es gut läuft, sich von den autor*innen selbst helfen lassen muss. Jorgos Kartakis ist beides. wir übersetzen jetzt seit fast zehn jahren gemeinsam — und manchmal eben auch einander…
1.9.2024
Phoebe Giannisi, Hermes (aus „Homerika“)
Hermes
Über viele schattige Berge und durch tönende Täler
über blühende Ebenen führte der ruhmreiche Hermes
(Hom. Hymn. Herm. 94-95)
Hast du mich vielleicht gesehen
im Meer als ich schwamm
von oben
vom Himmel als du flogst?
Die Sandalen hast du aus- und Halbschuhe angezogen
aus salzigem Meergras
unten an den Bergen Pieriens
um die Spuren der Rinder zu verwischen als Säugling
die Spuren des Raubes und des Gesanges
auf dem Weg zum Alpheios
führtest du die Herde mit umgedrehten Hufen
die gestohlenen Rinder beschrieben den Boden
Appetithappen zur Beruhigung Besitz der Götter
und Dichter
auf unbebautem Land an den Hängen der Berge
aber es sahen dich
als du purzeltest
aus dem Flugzeug die Götter
gelöschte fremdartige Buchstaben
unter Mastix Klematis den Düften des Sommers
Gegengabe eines Gedichtes
Diebe Dichter Sänger ohne Essen
die Felder haben immer noch eine Stimme
eine Schrift aus der Höhe zu lesen
der Berge
des Himmels
das Hin und Her der Pflüge
(das griechische original gibt es zum nachhören hier)
Giannisis gedichte habe ich vor vielen jahren zufällig entdeckt (auf der suche nach material für ein seminar zur rezeption der antike in zeitgenössischer europäischer Lyrik) und das krachen, mit dem mir diese texte den in jahrelangem studium ins gehirn gekrusteten gedanken vom auf die antike folgenden verfall des griechischen aus dem kopf geschlagen haben, klingt mir immer noch in den ohren. ich habe mich also mit lexika und grammatiken in der hand an die übersetzung gemacht und es gehört zu den beglückendsten erfahrungen meines übersetzerlebens, wie die autorin selbst sich zu hilfe rufen ließ und wir einzele verse mit hilfe von französisch, englisch und altgriechisch wieder und wieder umgepflügt haben — Hermes, der gott der kommunikation und des übersetzens hatte gewiss seine freude dabei.
eingang bücherregal lesesaal autor*innen neuigkeiten impressum